Möglich, dass Ihre Freundin tatsächlich nichts von Ihrem neuen Bekannten hält, möglich auch, dass er wirklich ein Angeber ist, dennoch: Ihre derzeitigen Gefühle für ihn sind da, in Ihnen drin. Für Sie sind die Gefühle wahr, sind echt und existent. Und nur das zählt für Sie in diesem Augenblick.
Ebenso verhält es sich mit dem altersverwirrten Menschen. Wenn er mit seligen Lächeln und Glanz in den Augen behauptet, morgen sei mit Sicherheit und ganz bestimmt Weihnachten. Natürlich ist man als erstes versucht, ihm darzulegen, dass morgen der 17. August ist und schon allein der sommerlichen Temperaturen wegen am nächsten Tag nicht Weihnachten sein kann. Möglicherweise will man ihn nicht aufregen und sagt „ja, ja“. Vielleicht will man ihm auch eine Enttäuschung ersparen und verspricht in der fragwürdigen Erwartung, dass er es eh vergisst, später den Weihnachtsbaumschmuck aus dem Keller zu holen.
Oder aber sie lassen sich ganz auf die altersverwirrten Menschen ein, bemerken den verzückten Gesichtsausdruck, den hoffnungsvollen Unterton in seiner Stimme und die entrückten Augen, die Sehnsucht, Freude und Erinnerung zugleich ausdrücken. Ein Gefühl jedenfalls, das sehr tief sitzt und augenscheinlich sehr eng an Weihnachten gekoppelt ist. An die Form des Weihnachtsfestes, wie er es jahrzehntelang erlebt hat, inmitten seiner Lieben. Alle sind guter Dinge und festlicher Stimmung, es duftet nach Zimt und später nach Gänsebraten, die Kinder haben erwartungsvolle Augen und rote Wangen, und es herrscht Freude, Befindlichkeit und Harmonie.
Für Sie persönlich heißt Weihnachten vielleicht zuallererst Stress: Kochen, Backen, Einkaufen, Geschenke aussuchen, Baum schmücken, Hausputz - und die gesamte Verwandtschaft kommt auch noch... Doch das zählt jetzt nicht, Ihre persönliche Interpretation des Weihnachtfestes ist in diesem Augenblick nicht gefragt. Denn für Ihren Angehörigen bedeutet Weihnachten etwas anderes. Damals, zu seiner Zeit, da war er das Familienoberhaupt, er war wichtig, geachtet und respektiert. Er erlebte sich als Mittelpunkt, umgeben von seiner Familie, von geliebten Menschen, die harmonisch diesen besonderen Tag begingen. Entsprechend bedeutet sein Wunsch, im August Weihnachten zu feiern, nicht anders als: ich habe Heimweh nach meiner Familie, die Sehnsucht nach Geborgenheit, und wenn nicht heute, dann bitte, bitte morgen. Morgen ist Weihnachten, nicht wahr, und wenn Weihnachten nicht sein kann, dann lass uns wenigstens gemeinsam davon sprechen, reden, erzählen, lass es für uns auferstehen mit alle seinen Erinnerungen und Gefühlen, die mich und dieses Fest begleiten. Und wenn ich alter Mensch merke, Du fühlst mit mir, Du verstehst mich, Du hast Anteil, Du bist ganz nah bei mir, dann finde ich Frieden, dann werde ich einig mit dir und mir selbst, und dann kann ich mich auch gelassen und im Frieden der weiteren Tage stellen.
Die Äußerung „morgen ist Weihnachten“ ist also keine zu furchtbar verwirrte Aussage wie ursprünglich angenommen. Sie schien verwirrt, weil wir den Hintergrund dieses Satzes nicht kannten. Jetzt wissen wir dass ein sehr starkes Gefühl diese Äußerung begleitet, mehr sogar, dass es dem alten Menschen ganz und gar innewohnt. Er hat Sehnsucht nach all dem, was sich früher an Weihnachten atmosphärisch und tatsächlich in seiner unmittelbaren Umgebung abspielte."