Verwirrte Äußerungen

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Verwirrte Äußerungen



"Wenn Sie als pflegende Angehörige oder professionell  Pflegende den alten Menschen optimal begleiten möchten,  wird er sich am wohlsten und verstanden fühlen, wenn sie folgende Regeln beachten: Beispiel dafür ist das Heimweh nach der fehlenden Familie, vielleicht auch nach der ehedem inngehabten Rolle, alles in allem die Sehnsucht nach Vertrautheit, die in der oben näher besprochener Aussage des altersverwirrten Menschen steckt „Morgen ist Weihnachten“
Auf die Aussage „Morgen ist Weihnachten“ ist eine bewusst offen gehaltene Erwiderung im Sinne von „Weihnachten ist ein schönes Fest“ am besten. Diese lassen den altersverwirrten Menschen vielfältige Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Denn anfangs wissen Sie ja noch gar nicht, was den altersverwirrten Menschen zu dieser Aussage veranlasst hat. Er kann an Weihnachten ja auch stets unter Einsamkeit, Stress oder Überforderung gelitten haben, so dass die Interpretation nach Heimweh und Sehnsucht nach der Familie völlig falsch wäre. Entsprechend ist eine neutrale  Antwort besser. Auch die Aussage „an Weihnachten ist immer etwas los“ kann er zum Beispiel antworten, dass tatsächlich immer etwas los gewesen sei, immer hätte es viel Arbeit und Ärger gegeben. Er kann aber auch im positiven Sinn darauf reagieren: die Kinder seien gekommen und die Enkelkinder. Acht seien es zum Schluss gewesen..
Spricht der altersverwirrte Mensch von Weihnachten und ist von seinen Gefühlen überwältigt, zählen in diesem Augenblick ausschließlich seine Gefühle und Empfindungen. Es ist dann völlig unerheblich, ob er sechs Enkel hat oder vielleicht 12, oder er selbst, seine Frau oder das Dienstmädchen die ganze Arbeit erledigt hat und so weiter. Dann kann eine kleine, aber ehrlich gemeinte Bemerkung wie „so ein schönes, friedliches Beisammensein„ schon ausreichen, damit der alte Mensch sich verstanden fühlt,  angenommen weiß und merkt, sie nehmen Anteil an ihm an seiner Person.
Warum-Fragen sind nur dann leicht zu beantworten, wenn es konkrete Dinge zu beantworten gibt. Die Frage „Warum verwandelt sich Regen zu Schnee?“ kann auch ohne wissenschaftliche Erklärung schnell und vorerst ausreichend richtig beantwortet werden. Auf die Frage „Warum liebst Du Dein Kind?“ gibt es aber keine richtige Antwort, es gibt keine allgemein gültige Lösung, denn die Liebe zu seinem Kind betrifft einen ganz allein, es ist das höchst  eigene Gefühl, das tief verwurzelt ist und nicht erklärt oder begründet werden kann.
In der oben genannten Aussage „Morgen ist Weihnachten“ spricht der altersverwirrte Mensch verschlüsselt auf der Gefühlsebene mit uns. Sein augenblickliches Gefühl dringt nach außen. Und dieses Gefühl ist für ihn zum jetzigen Zeitpunkt ebenso wenig analysierbar  wie alles, was „aus dem Bauch“ heraus geäußert wird. Deswegen kann der alte Mensch in dem Augenblick eine mit „warum“  eingeleitete Frage („Warum glaubst Du, morgen sei  Weihnachten?“) nicht beantworten, die überfordert ihn, macht ihn ratlos, hilflos, denn er lebt  das Gefühl und das Gefühl wiederum lebt ihn, und zwar völlig unerklärbar.
Einfache W-Fragen (wer, was, wo, wann) hingegen werden Ihnen helfen, das Gespräch in Gang zu halten und mit dem alten Menschen konkrete Ereignisse zu rekonstruieren. Die Fragen können zum Beispiel so aussehen: „Wo habt Ihr gefeiert?“, „ Wer war alles dabei?“. Hier kann er, soweit (noch) verfügbar, gezielt Intellekt und Erinnerung einsetzen oder den Ereignissen bestimmte Gefühle zuordnen.
Sollten sie damit ganz andere Gefühle geweckt haben, als Sie im Vorhinein ahnen konnten, Verzweiflung vielleicht, Tränen, Hoffnungslosigkeit – „Warum musste mein Junge im Krieg bleiben?“ - oder ähnliches, dann lassen Sie zu, dass Ihr Angehörige oder Patient jetzt weint, trauert, beschimpft oder anklagt. Nehmen Sie ihm dieses Gefühl nicht weg, reden sie es ihm nicht klein und nicht aus, und vertrösten sie ihnen nicht, denn es ist ein Gefühl und in diesen Augenblick für ihn existent und absolut wahr.
Wenn Sie können, wenn es ihnen ernst ist und sie ehrlich mit empfinden, dann trauern sie mit ihm, schimpfen Sie, haben Sie Verständnis für seine Anklagen und nehmen sie ihn in den Arm, sofern es ihrer Art entspricht und der Betroffene es mag. Haben sie gemeinsam genug getrauert, geschimpft und angeklagt, können sie zusammen zu neuen Taten schreiten oder zum normalen Tagesablauf übergehen, und sei es nur für kurze Zeit."