Orientierungshilfen
"Bisher haben wir gesehen, dass nicht jeder (alte) Mensch, der zeitweise seine innere Realität lebt, unbedingt auch verwirrt sein muss. Wir haben uns damit beschäftigt, wie wir dieses Verwirrt-Scheinen auflösen und wie wir den Betroffenen in der Wirklichkeit eines realen Tagesablaufes zurückholen können.
Und nachdem wir das Verwirrt-Sein als ein Verwirrt-Scheinen erkannt haben, stellt sich die Frage, was überhaupt die Verwirrtheit als solche ausmacht. Muss jeder (alte) Mensch, der nicht auf Anhieb auf das Datum seine standesamtliche Eheschließung kommt, oder der unmittelbar nach dem Mittagsschlaf nicht genau weiß, welche Tageszeit herrscht, oder der - da er schon seit Jahren keine tagespolitische Interesse mehr hat - sich nicht erinnert, wann genau der Tag der deutschen Einheit ist, zwangsläufig gleich als verwirrt oder genauer gesagt als zeitlich nicht orientiert gelten?
Muss jemand, der nach 15 oder gar 40 Jahren vertrautem Zuhause in eine andere, vielleicht sogar unübersichtliche oder gleichförmige Umgebung umzieht, deshalb örtlich desorientiert sein, weil er den Speiseraum oder sein Zimmer nicht mehr findet, obwohl ihm alles sorgfältig erklärt und mehrmals gezeigt worden ist?
Und muss eine Person, der sehr alt geworden und vielen Menschen begegnet ist, deshalb als personal desorientiert gelten, weil sie sich in den sich vermengenden Generationen nicht mehr auskennt und Kindeskinder mit ähnlich aussehenden, allerdings im Krieg gefallenen Cousins verwechselt?
Wann waren Sie das letzte Mal verwirrt?
- Im Urlaub, als Sie weder Tageszeitung noch Fernseher hatten und auch sonst keine Anhaltspunkte für den jeweiligen Wochentag?
- Während eines Besuchs einer alte Freundin in der entfernten Großstadt? Sie suchen eine ganz bestimmte Straße, und obwohl ihnen die Freundin gestern erst den Weg erklärt hat, finden Sie sich heute nicht zurecht?
- Vorletzte Nacht, als Sie aus einem Albtraum, der Sie direkt zurück in die Kindheit warf, schweißgebadet aufwachten?
- Oder gerade eben erst, als Sie sich auf die schwierige Gebrauchsanweisung eines komplizierten Elektrogerätes konzentrieren wollten und alle gleichzeitig auf Sie einredeten und etwas von Ihnen wollten - vom laut dröhnenden Fernseher ganz zu schweigen? Wären Sie da nicht um ein Haar verrückt geworden?
Und wenn das immer so wäre - oder doch meistens? Was würden Sie tun, was sich wünschen? Als erstes würden Sie vermutlich für Ruhe sorgen, also den Fernseher ausschalten oder - sollte das nicht möglich sein - in ein anderes Zimmer gehen. Als zweites hätten Sie sicher das Bedürfnis, die Wünsche und Ansprüche, die andere an Sie stellen, nacheinander vorgetragen zu bekommen und die dann auch in dieser Reihenfolge abarbeiten zu können. Und als drittes wäre Ihnen eine Gebrauchsanweisung, die sie auf Anhieb verstehen können, sicher lieber als die vorliegende. Dann könnten Sie auch gleich das Gerät in Betrieb nehmen.
Wenn all das so abliefe, wie es Ihrem persönlichen Naturell entspräche oder Sie es sich wünschten, dann bräuchten Sie weder verwirrt noch verrückt werden. Sie würden auch anspruchsvolle Situationen gelassen meistern und voller Vertrauen in sich selbst neuen Aufgaben entgegensehen. Doch was wäre, wenn es Probleme gäbe und Sie Hilfe bräuchten, Beispiel in Form einer Erklärung eines modernen Technikbegriffes? Wären Sie da nicht dankbar, wenn ihnen jemand auch nach der dritten Nachfrage ohne Spott und Ungeduld sagen würde, was dieser Begriff bedeutet? Denn im Grunde ärgerte es Sie spätestens dann, dass sie das immer noch nicht wissen.
So geht es auch den alten Menschen. Er leidet sehr unter seinem Nicht-Verstehen, es beunruhigt ihn, macht ihm Angst, und er ist dankbar für jede Hilfe, die Sie ihn auf seine Nachfrage ganz sachlich und selbstverständlich geben. Diskrete Hinweise, die Sie in das Gespräch einstreuen wie „heute ist wieder kein schönes Wetter, dabei ist doch schon August“ helfen bei der zeitliche Orientierung, ohne dass der alte Mensch nachfragen oder sich gedemütigt fühlen müsste.
Leidet ein alter Mensch unter räumlichen Orientierungsproblemen, liegt es nicht selten an einer problematisch gestalteten Umwelt. Durch geeignete Maßnahmen kann diese Form der Desorientierung lange kompensiert werden."