Hilfsmittelversorgung
Im Folgenden ist von Harninkontinenz die Rede, weil diese häufiger vorkommt. Es kann natürlich sein, dass in dem einen oder anderen Fall zusätzlich noch Stuhlinkontinenz hinzu kommt. In diesem Falle gelten die Bemerkungen für beide Inkontinenzformen.
Inkontinenzprodukte haben die Aufgabe, den unkontrolliert abgehenden Harn aufzufangen und zu speichern. Zu ihnen gibt es bei vorhandener Inkontinenz praktisch keine Alternativen; sie sind die einzige Chance, weiterhin am sozialen Leben teilzunehmen und sozialen Einschränkungen, die Inkontinenz mit sich bringen kann, zu verhindern. Es ist deshalb äußerst wichtig, die richtigen für den jeweils vorliegenden Bedarfsfall auszuwählen. Auf den Hilfsmittelmarkt gibt es eine Vielzahl von Produkten unterschiedlicher Hersteller. Verordnungsfähige Hilfsmittel sind im Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen gelistet. Aus diesem Angebot gilt es das individuell sinnvolle Produkt auszuwählen. Beraten Sie sich mit Fachleuten wie Ärzten, Apotheker und Pflegediensten. Treffen Sie die Auswahl nach vorheriger sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile und setzen Sie sie gezielt ein. Sie sollten
- dem Ausmaß der Inkontinenz entsprechen
- eine ggf. vorhandene Therapie unterstützen und
- es dem Pflegebedürftigen ermöglichen, sich selbst zu versorgen
Auswahlkriterien sind:
- die Qualität der Hilfsmittel sowie
- der individuelle Bedarf des Pflegebedürftigen
Qualitativ gute Hilfsmittel sollten:
- dicht sein bezüglich Ausscheidungen und Gerüche
- hautverträglich sein
- Sicherheit bieten durch hohe Saug- und Speicherkapazität
- einen guten Tragekomfort besitzen
- anpassungsfähig an anatomische Gegebenheiten sein
- einfach zu handhaben sein (Anwenderfreundlichkeit)
- möglichst nicht auffallen (optisch, akustisch)
- eine Möglichkeit bieten, die Selbstständigkeit zu erhalten und zu fördern
- lagerungsfähig sein
- wirtschaftlich sein
- bei Herstellung und Entsorgung die Umwelt schonen
Personenbezogene Auswahl-Kriterien:
- man sollte wissen, wie hoch die tatsächliche Ausscheidungsmenge ist. Man steckt in folgendem Dilemma: Eine Unterversorgung gibt keine Sicherheit, eine Überversorgung jedoch ist nicht wirtschaftlich. Möglicherweise macht es Sinn, am Tag andere Hilfsmittel zu nutzen als in der Nacht. Ein praktischer Tipp: um die tägliche Ausscheidungsmenge zu messen, vergleichen sie einfach das Gewicht einer ungebrauchten aufsaugenden Einlage 24 Stunden später mit dem Gewicht der nun gebrauchten Einlage – und schon wissen Sie, wie viel an einem Tag ausgeschieden wurde.
- Welche funktionellen Fähigkeiten sind beim Pflegebedürftigen noch vorhanden? Mobilität und Fingerfertigkeit sind wichtige Voraussetzungen, damit er selbständig mit dem Hilfsmittel umgehen kann. Bei der Auswahl des Produkts sind die vorhandenen Bewegungsmöglichkeiten der oberen und unteren Extremitäten [?] entscheidend.
- Wie steht es um die geistigen Fähigkeiten des Pflegebedürftigen? Verständnis und Lernfähigkeit (kognitive Fähigkeiten) des Pflegebedürftigen sind für die selbstständige Handhabung der Hilfsmittel entscheidend.
- Männlich oder weiblich? Verschiedene Hilfsmittel sind jeweils nur für Frauen oder Männer anwendbar
- Wie ist der Hautzustand? Bei der Hilfsmittelauswahl sollte die Hautbeschaffenheit und eventuell vorhandene Hautveränderungen (zum Beispiel Pilzerkrankungen, entzündliche Veränderungen, Allergien) in Genitalbereich überprüft werden. Es kann sein, dass Hilfsmittel diese Probleme verstärken (z.B. bei einer Dermatitis) oder, beispielsweise wenn bei einer Pilzerkrankung ein Kondumurinal eingesetzt wird, die Sicherheit des Hilfsmittels einschränken.
- Wie ist die Wohn- und Versorgungssituation des Pflegebedürftigen? Ist beispielsweise ein häufiger Hilfsmittel-Wechsel nicht möglich, sollten Sie hochsaugfähige Produkte verwenden, die weniger häufig gewechselt werden müssen.
- Sorgen Sie dafür, dass alle Materialien diskret in der Toilette untergebracht sind. Dort sollen auch gebrauchte Einlagen und Hilfsmittel entsorgt werden, beispielsweise in einem geschlossenen Eimer. Je nachdem, wie weit die Inkontinenz fortgeschritten ist, muss man die Einlagen entsprechend häufig wechseln.
Grundsätzlich werden Inkontinentenversorgungen von Hausarzt rezeptiert. Man unterteilt sie ihn:
- aufsaugende Materialien und
- ableitende Materialien
Aufsaugende Materialien
- Einlagen; in unterschiedlicher Größe, je nach Produkt zwischen 80-500 ml Fassungsvermögen
- Netzhosen zur Fixierung von Einlagen für mobile Betroffene
- Seitlich verschließbare Inkontinenzhosen für bettlägerige Menschen – in unterschiedlichen Größen
- Inkontinenzhosen, die man wie Unterhosen tragen kann. Achtung: keine Kostenerstattung durch die Krankenkassen
- Einmalkrankenunterlagen: meist 90x 60 cm für Bett und Sitzplatz als zusätzlicher Schutz
Unser Tipp: Besorgen sie sich anfangs in Ihrer Apotheke Muster von Einlagen oder Inkontinenzwäsche in verschiedenen Größen und Dicken, um die optimale Versorgung zu ermitteln
Ableitende Materialien
In aller Regel werden aufsaugende Materialien benutzt, bevor ableitende zum Einsatz kommen. Dies geschieht beispielsweise bei einer Hautunverträglichkeit der Einlage oder bei Notfällen und bei manchen Krankheiten.
Folgende ableitende Materialien kommen zur Anwendung:
- Blasenverweilkatheder; muss grundsätzlich vom Arzt verordnet werden; er bleibt vier bis sechs Wochen in der Blase, bevor er ausgewechselt wird.
- Blasenkatheter; kommt bei älteren Pflegebedürftigen selten vor. Wenn es doch notwendig wird, schreibt der Hausarzt eine Verordnung zur häuslichen Krankenpflege aus.
- Kondomurinale sind kleine Gummihülsen, die über den Penis gestülpt werden. Es ist ein Einmalartikel aus Latex oder aus latexfreiem Material. Kommt ebenfalls selten bei älteren Pflegebedürftigen vor.
- Beinbeutel; Urinbeutel; mit dehnbaren Befestigungsband für Oberschenkel oder Wade und Rücklaufsperre, verwendbar bis zu einer Woche
Mobile Toilettenhilfen (erhältlich in Sanitätshäusern)
- Steckbecken - ermöglicht die Ausscheidung im Bett und sollte nur dann eingesetzt werden, wenn es keine Alternative gibt.
- Toilettenstuhl - einzusetzen, wenn eine Person das Bett zwar verlassen kann, aber nicht in der Lage ist, die Toilette zu aufzusuchen - oder auch, wenn keine Toilette vorhanden ist. Der Toilettenstuhl ist dem Steckbecken vorzuziehen, weil der Pflegebedürftige in einer aufrecht sitzenden Position ausscheiden kann.
- Urinflasche - können eingesetzt werden, wenn Personen aufgrund schwerer Mobilitätseinschränkungen die Toilette oder eine Toilettenstuhl nicht aufsuchen bzw. nutzen können. Dieses Hilfsmittel kann bei Ausflügen oder Reisen (längere Autofahrten) in Bezug auf Blasenentleerung sehr hilfreich sein.
- Urinschiffchen für Frauen ist eine Alternative zu Frauenurinflasche.