Inkontinenz und Scham
Die Fähigkeit, die Ausscheidung willentlich zu steuern (Kontinenz) wird uns allen seit früher Kindheit antrainiert. Es ist eine gesellschaftliche Regel und gilt als ein Zeichen von Autonomie, sich willentlich, zur angemessenen Zeit und an einem dafür passenden Ort der Körperausscheidungen zu entledigen.
Diejenigen, die das nicht tun, verstoßen gegen die Regeln der Zivilisation; wer das nicht kann, der ist entweder in der Zivilisation noch nicht ganz angekommen (Kleinkinder) oder im Begriff, sie zu verlassen. Nicht mehr dazugehören zu dürfen, obwohl man das sehr gerne möchte, trifft uns im Kern unserer Persönlichkeit. Die Scham hilft uns dabei, gerade diesen Kern unserer Persönlichkeit zu schützen, unsere Gefühle und unsere Identität.
Der inkontinente Pflegebedürftige versucht zu verheimlichen, was ihm geschehen ist; dringen wir zu stark in seinen persönlichen Bereich ein und entdecken seine Schwäche, dann schämt er sich, was sich je nach Situation und Persönlichkeit in verschiedenen Erscheinungsformen ausrücken kann: beispielsweise als Niedergeschlagenheit, Wut oder Hilflosigkeit.
Um seinem Schamgefühl und der Abhängigkeit entgegenzuwirken, entwickelt der Pflegebedürftige Strategien: verschweigen, ständig auf die Toilette gehen zu wollen und wenig trinken.
- Verschweigen der Inkontinenz: Betroffene haben Angst, dass man sie nicht mehr als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft oder der Familie angesehen werden; sie fürchten, dass man sie verachtet und mit dem Finger auf sie zeigt.
- Betroffene gehen oft aus „prophylaktischen“ Gründen, d.h. rein vorbeugend zur Toilette nach dem Motto: was raus ist, kann nicht mehr in die Hose gehen. Außerdem hat das den Vorteil, dass man den Zustand der Einlage, die aus Sicherheitsgründen getragen werden, zu kontrollieren.
- Eine weitere wichtige Strategie, die Folgen der Inkontinenz so wenig wie möglich sichtbar zu machen: sie schränken ihren Trinkkonsum so weit wie möglich ein. Um nicht zu viel Urin zu verlieren oder um nicht so oft zur Toilette gehen zu müssen, nehmen sie einfach weniger Flüssigkeit zu sich; manche verzichten deshalb auf Genussmittel wie Kaffee oder Tee. Sie müssen unbedingt verhindern, dass insbesondere die letztgenannte Strategie Erfolg hat, weil das gefährlich für den Pflegebedürftigen werden kann.
Ein Leben mit Inkontinenz – wie sieht das aus?
- Scham und Minderwertigkeitsgefühle
- sich lieber zu isolieren als den Macht- und Kontrollverlust über den Körper einzugestehen
- Schuld- und Abhängigkeitsgefühl, anderen seine Exkremente zumuten zu müssen
- Das Gefühl, sich dauerhaft psychisch und physisch zu entblößen